Schlagzeug üben: Warum mehr Üben dich nicht frei macht und dein Nervensystem der Schlüssel ist
Mehr Zeit am Set bringt dich nicht automatisch weiter. Warum dein Nervensystem der eigentliche Engpass ist und wie der taktweise Wechsel dir hilft.
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Mehr Schlagzeug üben macht dich nicht freier. Das klingt erst mal falsch, weil uns allen genau das immer gesagt wird: Setz dich öfter hin, dann wird das schon. Und trotzdem sehe ich bei sehr vielen Drummern das gleiche Bild, egal ob sie zwei Jahre oder über vierzig Jahre spielen.
Im Kopf sind die Ideen da. Du hörst viel Musik, du hast dir unzählige Fill Ins auf Instagram und TikTok gespeichert, musikalisch fehlt dir eigentlich nichts. Aber sobald es ernst wird, in der Probe oder live, spielst du wieder das, was du immer spielst. Viele beschreiben mir das als eine Art Safety Mode: drei bis fünf Fill Ins, die sicher sitzen, und dabei bleibt es.
Das liegt nicht an deinem Fleiß und auch nicht an deinem Gefühl für Musik. Es liegt an etwas, über das beim Üben kaum jemand spricht: deinem Nervensystem. Genau darum ging es in meinem Live-Workshop in der MusicWorld Brilon.
Die 8-Jahre-Rechnung
Ich habe meine Coaching-Teilnehmer mal gefragt, wie viel sie üben. Im Schnitt kamen zwei bis drei Stunden pro Woche raus. Rechnen wir mit zwei Stunden, sind das 104 Stunden im Jahr, also grob 100. Wenn wir sagen, es gibt etwa 80 Themen am Schlagzeug, und jedes braucht ungefähr 10 Stunden, bis du es einigermaßen beherrschst, landen wir bei 800 Stunden. Bei 100 Stunden im Jahr sind das 8 Jahre.
Eine verrückte Zahl. Und sie erklärt, warum sich so viele festgefahren fühlen. Ich habe sogar mit einem Drummer gesprochen, der seit 55 Jahren Schlagzeug spielt und auf großen Bühnen unterwegs ist. Seine Worte: „Es geht nicht, ich kriege es nicht hin.“
Meine erste Antwort darauf war früher ganz logisch: Ich muss einfach mehr üben. Viele Profis sagen ja auch „just play“. Wenn du Profi bist und sechs, acht, zehn Stunden am Tag spielen kannst, funktioniert das vielleicht. Aber du hast einen Job, Familie und noch andere Dinge im Leben.
Dazu kommt: Spielen ist nicht üben. Ich habe früher ein bis zwei Stunden am Tag gespielt, das schwarze Album von Metallica rauf und runter, die Platten von Guns N' Roses rauf und runter. Das hat riesig Spaß gemacht und musikalisch bin ich gewachsen. Jede Zeit am Schlagzeug ist gute Zeit. Aber mein eigentliches Können ist nicht mitgewachsen, weil ich immer das gespielt habe, was ich schon konnte.
Warum Schlagzeug üben ohne starkes Nervensystem verpufft
Ich habe lange gebraucht, bis ich das verstanden habe: Unser Nervensystem ist zu schwach. Damit das greifbar wird, nutze ich gern ein Bild.
Stell dir vor, du baust ein Haus. Die Wasserwerke legen die Leitung bis vor deine Haustür, das Wasser kommt mit perfektem Druck an. Aber wenn die Leitungen im Haus zur Dusche, zur Küche oder zur Waschmaschine zu klein sind, tröpfelt es nur. Egal wie gut die Hauptleitung ist.
Was wir stattdessen machen: Wir tauschen den Wasserhahn aus. Neues Buch, neuer Kurs, neue Übung. Das habe ich früher genauso gemacht. Ich dachte, es liegt am Material. Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass es nicht am Wasserhahn lag, sondern an den Leitungen.
Was im Kopf beim Lernen passiert
Wenn du etwas Neues lernst, arbeitet vor allem der präfrontale Cortex, der vordere Teil des Gehirns. Er ist der bewusste Planer. Wo ist die Bassdrum, wo kommt die Ghost Note hin? Das Problem: Seine Kapazität ist begrenzt, ähnlich wie der Arbeitsspeicher eines Laptops. Nur kannst du ihn nicht aufrüsten.
Ich vergleiche ihn gern mit einer Werkbank. Wenn du darauf Hobel, Hammer, Lack, Pinsel und Schleifpapier gleichzeitig ablegst, fällt beim Arbeiten alles runter, was gerade nicht gebraucht wird. Deshalb bringen dir zu viele Details beim Üben wenig.
Der zweite Teil läuft im Hintergrund: die Basalganglien und das Kleinhirn. Das ist dein Autopilot. Die Basalganglien kümmern sich ums Timing, das Kleinhirn gleicht jede Bewegung ab wie eine Qualitätskontrolle. Ist eine Bewegung dort verankert, braucht sie kaum noch Kapazität. Dann ist Platz für Ideen, für Spontaneität, für Musik.
Profis haben übrigens keinen größeren Arbeitsspeicher. Sie haben ihre Bewegungen sortiert. Man nennt das Chunking: Statt zehn Schraubenzieher wild auf der Werkbank liegen zu haben, packst du sie ordentlich in eine Box.
Das Schöne: Das Gehirn verändert sich ein Leben lang, das Alter spielt dabei keine Rolle. Dr. Lara Schlaffke, mit der ich einen Podcast gemacht habe, hat Gehirne von Schlagzeugern untersucht. Sie hat festgestellt, dass bei uns Drummern die Verbindung zwischen linker und rechter Gehirnhälfte anders aufgebaut ist: weniger Fasern, dafür dickere. Unser Gehirn verändert sich also messbar durch das, was wir tun. Und weil das Nervensystem Reize braucht, sind Koordinationsübungen das Beste, was du ihm geben kannst.
Die Übung: taktweiser Wechsel
Im Workshop habe ich alle direkt an die Schlagzeuge geschickt. Die meisten Fehler in einem Song passieren an den Übergängen. Das Fill In klappt, dann kommt der Wechsel, und plötzlich ist alles durcheinander. Genau da setzt diese Übung an.
- Nimm einen einfachen Rhythmus, den du sicher spielst.
- Variante 1: Achtel mit der rechten Hand auf dem Becken, dazu Viertel mit dem linken Fuß auf der Hi-Hat.
- Variante 2: Du tauschst gedanklich rechte Hand und linken Fuß. Jetzt trittst du die Achtel und spielst die Viertel mit der Hand.
- Wechsle taktweise zwischen beiden Varianten hin und her.
Achte vor allem auf den Wechsel. Da rutscht schnell ein Hi-Hat-Tritt zu viel oder zu wenig rein. Sei hier richtig kleinkariert, denn es geht um Kontrolle über deinen Körper.
Noch ein Punkt: Jeder Rhythmus braucht ein gewisses Tempo, damit er sich wie ein Rhythmus anfühlt. Darunter fällt alles auseinander, was sich vorher gut angehört hat. Eine feste BPM-Zahl dafür gibt es nicht. Aber genau unter dieser Schwelle musst du wirklich verstehen, was du da tust. Und genau da passiert die Magie.
Die drei größten Fehler beim Schlagzeug üben
- Zu leicht üben. Wenn alles bequem läuft, bekommt dein Nervensystem keinen Reiz. Du brauchst die Balance zwischen Über- und Unterforderung, genau an der Stelle, wo du spürst: Das könnte ich hinbekommen.
- Falsche Bewegungsmuster antrainieren. Wenn du zu schnell übst, speichert dein Kleinhirn falsche Bewegungen als richtig ab. Ich habe acht Jahre als Autodidakt gespielt und danach sechs, sieben Jahre bei meinem Mentor Markus Czenia umgelernt. Das war nicht schön.
- Unnötige Muskelanspannung. Hohe Anspannung fühlt sich nach Kontrolle an. Deshalb halten so viele den Stock zu fest. Zu locker ist allerdings genauso ungünstig, dann fehlt die Kontrolle. Du brauchst beides.
Ein kleiner Test, ob etwas wirklich sitzt: Spiel den Rhythmus und erzähl dabei, was es heute zu Mittag gab. Wenn das klappt, ist er im Autopiloten angekommen.
Für die nächsten Wochen kannst du dir drei Dinge mitnehmen. Spiel so, als läge ein Geldschein auf dem Tisch und du hättest genau einen Versuch: langsam und kontrolliert. Nimm die Rhythmen, die du schon kannst, und verteile sie auf dem Set, statt den nächsten Groove zu suchen. Und achte ab heute ganz bewusst auf Übergänge und Wechsel.
Im Video siehst du den ganzen Workshop, inklusive der Fragen aus der Runde. Wenn du dabei merkst, dass du allein nicht siehst, an welcher Stelle es bei dir hakt, ist das völlig normal. Das ging mir genauso. In einer Spielanalyse schauen wir uns gemeinsam dein Spiel an und finden heraus, wo bei dir der größte Hebel liegt.
Häufige Fragen
Warum werde ich trotz Schlagzeug üben nicht besser?
Oft spielst du beim Üben vor allem das, was du schon kannst, und spielen ist nicht dasselbe wie üben. Dazu kommt, dass neue Bewegungen erst im Autopiloten aus Basalganglien und Kleinhirn verankert sein müssen, bevor du sie live frei abrufen kannst. Gezielte Koordinationsübungen geben deinem Nervensystem genau diesen Reiz.
Wie viel Zeit braucht man, um Schlagzeug gut zu beherrschen?
Eine grobe Rechnung aus meinem Workshop: Bei etwa 80 Themen mit je rund 10 Stunden Übungszeit kommst du auf 800 Stunden. Mit 100 Stunden im Jahr, also etwa zwei Stunden pro Woche, wären das 8 Jahre. Deshalb lohnt es sich, so zu üben, dass du viele Themen gleichzeitig abdeckst.
Sollte man Schlagzeug langsam üben?
Ja, wenn du zu schnell übst, speichert dein Kleinhirn Fehler als richtige Bewegung ab. Spannend wird es unterhalb der Tempo-Schwelle, an der sich ein Rhythmus nicht mehr wie ein Rhythmus anfühlt. Dort musst du wirklich verstehen, was du spielst, und genau das bringt dich weiter.


