Drum Masters by Tim RustemeierDrum Masters by Tim Rustemeier

Nervosität vor dem Auftritt: Wie dir deine Atmung als Drummer auf der Bühne hilft

Nervosität vor dem Auftritt zeigt, dass dir etwas wichtig ist. Was Breathwork-Coach Frank Roser Drummern rät und welche drei Atemübungen vor dem Gig helfen können.

Tim Rustemeier
· 6 Min. Lesezeit
Schlagzeug auf dunkler Bühne kurz vor dem Konzert im warmen Spotlight, Symbolbild für Nervosität vor dem Auftritt

Nervosität vor Auftritten ist nicht dein Gegner. Sie ist ein Zeichen dafür, dass dir wichtig ist, was du gleich tust. Diesen Satz habe ich von Frank Roser mitgenommen, und er hat meinen Blick auf Lampenfieber ziemlich verändert.

Ich kenne das Thema von innen. Bei meinem ersten Auftritt mit dem Musikverein war ich 13 oder 14 und bin vorher, glaube ich, achtmal auf der Toilette gewesen. Mit 18 kam dann mein erster Gig mit meiner Band, in einem Dorf, ultra nervös. Ich zähle den Song ein, er ist fast doppelt so schnell wie geprobt, und ich denke: egal, durchballern. Dann bricht vor versammelter Mannschaft einer aus der Band ab und ruft: „Tim, das ist viel zu schnell!“ Für mich hatte es sich gar nicht so schnell angefühlt. Mein Herz hat einfach so gepumpt, dass mein Tempoempfinden komplett ein anderes war.

Genau darum geht es hier. Nervosität verändert, wie du spielst, gerade beim Timing. Und es gibt einen sehr einfachen Hebel, an den die wenigsten Drummer denken: die Atmung.

Warum Atmung bei Nervosität vor Auftritten so viel ausmacht

Frank war viele Jahre international als Coach im American Football unterwegs, unter anderem in Dallas, El Paso und Japan. In den letzten Jahren arbeitet er vor allem als Breathwork-Coach. Ich gebe zu: Als ich das erste Mal von Breathwork gehört habe, dachte ich, was ist das denn schon wieder für ein Esoterikkram. Frank fand es gut, dass ich das so ehrlich sage, denn genau dieser kritische Gedanke begegnet ihm sehr oft.

Seine Erklärung ist sehr bodenständig. Breathwork heißt übersetzt Atemarbeit und ist ein Oberbegriff für alles, was mit bewusstem Atmen zu tun hat. Sobald du einmal bewusst tief und langsam ein- und noch etwas langsamer ausatmest, bist du schon mittendrin.

Spannend fand ich, wie Frank den Zusammenhang beschreibt. Deinen Herzschlag kannst du nicht direkt steuern. Über die Atmung nimmst du aber Einfluss. Schnelles Atmen aktiviert den Modus von Kampf, Flucht oder Erstarren, in dem wir durch Stress und Hektik ohnehin oft hängen. Langsames, tiefes Atmen aktiviert den Gegenspieler, das Entspannungssystem. Für Frank ist Breathwork deshalb zuerst etwas sehr Körperliches.

Video: Bühnenangst? Zittrige Hände? Nervosität kurz vor dem Auftritt?

Lampenfieber vor dem Auftritt: erst mal anders darüber denken

Bevor es an konkrete Übungen geht, ein Gedanke, der mir hängen geblieben ist. Wer sich sagt „Ich will auf keinen Fall nervös sein“, macht es schlimmer. Das ist wie mit dem Satz „Denk nicht an den pinkfarbenen Elefanten“. Sofort ist das Bild da.

Wenn du dir dagegen klarmachst, dass deine Nervosität ein gutes Zeichen ist, weil dir das, was du tust, etwas bedeutet, verändert das deine Herangehensweise. Die Nervosität ist dadurch nicht weggezaubert. Aber du denkst anders über sie.

Frank hat mir erzählt, wie er seinen bisher größten Auftritt vor 1400 Menschen erlebt hat: aufgeregt und voller Vorfreude, aber nicht nervös. Zwei Dinge haben ihm geholfen. Erstens hat er sich bewusst gemacht, dass er nicht perfekt sein will, sondern authentisch. Wer nur auf Perfektion schaut, verpasst die Chance, den großartigen Moment zu genießen. Zweitens hat er entschieden, dem Publikum nicht die Macht darüber zu geben, wie er sich fühlt. Wir stellen andere oft auf ein Podest und machen uns selbst ganz klein. Von dort aus ist es schwer, sich hinzustellen und zu sagen: Hier bin ich, lasst uns einen geilen Abend haben.

Drei Atemübungen gegen Nervosität kurz vor dem Gig

Wenn du vor dem Auftritt einen kleinen Rückzugsort und ein paar Minuten hast, empfiehlt Frank folgenden Ablauf. Eine wichtige Bitte von ihm vorweg: Mach diese Übungen nicht beim Autofahren.

  1. Erst Spannung loslassen: Acht tiefe Atemzüge, durch die Nase ein und durch den Mund einfach loslassen. Beim achten Mal atmest du ein, hältst die Luft an und spannst Bauch und Stirn ganz leicht an. Dann ausatmen und kurz nachspüren. Davon drei Runden. Beim Einatmen schön in den Bauch, möglichst wenig in die Schultern.
  2. Box-Atmung: 4 Sekunden durch die Nase einatmen, 4 Sekunden halten, 4 Sekunden ausatmen, 4 Sekunden halten.
  3. Kohärente Atmung: Gleichmäßig 5 Sekunden durch die Nase ein und 5 Sekunden durch die Nase aus. Frank verweist dabei auf James Nestor, der in seinem Buch „Breath“ schreibt, dass ein Atemzug von etwa 5,5 Sekunden eine schöne Balance im Körper herstellt.

Die erste Übung setzt Energie frei und hilft, den ersten Stress loszulassen. Die beiden anderen bringen dich von der Nervosität runter und in den Fokus. Du willst ja fokussiert auf die Bühne, nicht schläfrig. Die erste Übung und die kohärente Atmung haben Frank und ich im Video einmal zusammen gemacht, du kannst also direkt mitatmen.

Was tun, wenn sich der Auftritt verschiebt

Einem Schüler von mir habe ich vor einer Prüfung die Box-Atmung empfohlen. Fünf Minuten vorher gemacht, und er war super runtergefahren. Dann verschob sich die Prüfung um 15 bis 20 Minuten, und als er endlich im Raum saß, war er fast wieder genauso nervös wie vorher.

Franks Antwort war ganz simpel: einfach weiter so atmen, bis es losgeht. Er selbst macht am Morgen eines Auftritts oft eine kurze aktivierende Session und geht etwa zehn Minuten vorher noch mal raus, um ein paar Mal langsam ein- und auszuatmen.

Der Anker: warum regelmäßiges Üben den Unterschied macht

Der entscheidende Punkt kommt aber nicht kurz vor dem Gig, sondern davor. Wer einmal im Monat fünf Minuten Box-Atmung macht und dann erst wieder vor dem Auftritt, dem hilft das zwar. Es wird aber nicht so wirksam sein, weil der Körper gar nicht richtig versteht, was da passiert.

Frank baut die Atmung regelmäßig in seinen Alltag ein, zum Beispiel in kurzen Pausen zwischen Arbeitsphasen. Dadurch hat er sich einen Anker gesetzt. Wenn etwas Stressiges passiert, reichen ihm ein bis drei Atemzüge, um wieder im Moment zu sein. Seine Empfehlung: fünf Minuten am Tag, und das mal 30 Tage durchziehen.

Ich mache das inzwischen selbst seit über einem Jahr und merke, wie sehr es mich verändert hat. Angst haben ist dabei völlig in Ordnung. Es geht nicht darum, sie zu besiegen, sondern besser mit ihr umzugehen.

Atmen während des Spielens

Ich habe Frank gefragt, ob man auch während des Spielens etwas tun kann, gerade wegen meiner Tempo-Geschichte von damals. Aus dem Football kennt er das so: Während des Spielzugs wird einfach gespielt, aber in der Pause danach wird bewusst tief geatmet. Übertragen aufs Schlagzeug heißt das: Such dir im Song Stellen, an denen du bewusst atmen kannst. Eine ruhige Passage, ein Moment, in dem nur eine Hand spielt, oder ein richtig lauter Schlag, bei dem du tief einatmest und mit voller Energie loslässt.

Auch kleine Auftritte dürfen nervös machen

Auf Instagram hat mich Michael gefragt, wie er seine Nervosität bei kleinen Auftritten in der Musikschule überwindet. Michael ist erwachsen und hat Familie. Bei solchen Sommerfesten sitzt meist nur die Familie im Publikum, und vielleicht ist es gerade deshalb so schwer, weil man vor den engsten Menschen nicht versagen will.

Franks Vorschlag: mit dem kleinstmöglichen Schritt beginnen. Erst eine Person zuhören lassen, dann zwei, und langsam steigern. Das Ganze spielerisch sehen, vielleicht sogar die Partnerin beim Spielen anschauen und einfach weiterspielen. Sich fragen, warum man das eigentlich macht und was es einem bedeutet. Und sich ein eigenes Ankerbild suchen. Für Frank ist das eine Kerze. Und dann vor dem ersten Schlag tief einatmen, loslassen, und die Musik geht los.

Ruhige Atmung hilft dir, präsent zu sein. Ob dein Timing unter Druck hält, hängt aber auch davon ab, wie sicher dein Spiel im Fundament sitzt. In einer Spielanalyse schaue ich mir gern mit dir an, wo bei dir der größte Hebel liegt, damit du auf der Bühne mehr fühlst und weniger zweifelst.

Häufige Fragen

Was hilft gegen Nervosität kurz vor dem Auftritt?

Frank Roser empfiehlt einen kurzen Atemablauf: drei Runden mit je acht tiefen Atemzügen, beim achten kurz halten und Bauch und Stirn leicht anspannen. Danach Box-Atmung oder kohärente Atmung mit 5 Sekunden ein und 5 Sekunden aus, damit du ruhig, aber fokussiert bleibst.

Wie funktioniert die Box-Atmung gegen Lampenfieber?

Du atmest 4 Sekunden durch die Nase ein, hältst 4 Sekunden, atmest 4 Sekunden aus und hältst wieder 4 Sekunden. Verschiebt sich der Auftritt, atmest du einfach so weiter, bis es losgeht.

Warum spielen Schlagzeuger bei Lampenfieber oft zu schnell?

Wenn das Herz vor Aufregung pumpt, verändert sich das Tempoempfinden. Mir ist bei meinem ersten Band-Gig genau das passiert: Ich habe den Song fast doppelt so schnell eingezählt und es selbst gar nicht gemerkt. Bewusste Atemmomente im Song können helfen, bei dir zu bleiben.

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