Drum Masters by Tim RustemeierDrum Masters by Tim Rustemeier

Schlagzeug lernen mit 60: Wie Stefan nach 20 Jahren Pause wieder in einer Band spielt

Stefan wollte das Schlagzeug schon hinschmeißen. Mit 62 hat er innerhalb von zwei Wochen eine Band gefunden und nach drei Proben seinen ersten Auftritt gespielt.

Tim Rustemeier
· 5 Min. Lesezeit
Schlagzeug auf einer Clubbühne kurz vor dem Auftritt, Symbolbild für Schlagzeug lernen mit 60 und den Weg zurück in eine Band

Schlagzeug lernen mit 60 scheitert selten am Alter. Es scheitert daran, dass das Üben nicht auf das zielt, was dich wirklich ausbremst. Ich habe das bei Stefan erlebt. Er war kurz davor, das Schlagzeug endgültig hinzuschmeißen. Heute spielt er in einer Band.

Stefan ist 62. Als wir uns kennengelernt haben, war er deprimiert und hatte sich innerlich schon ein anderes Hobby gesucht. Nach etwa anderthalb Jahren Zusammenarbeit hat er innerhalb von zwei Wochen eine Band gefunden und nach nur drei Proben seinen ersten Auftritt gespielt.

Das ist keine Geschichte über ein Wunder. Es ist die Geschichte von jemandem, der jahrzehntelang viel richtig gemacht hat und trotzdem an einer Stelle festhing, an die er allein nicht herankam.

Mit 60 wieder Schlagzeug spielen: wie alles anfing

Stefan hat als Kind im örtlichen Musikverein angefangen. Es gibt ein altes Foto, auf dem er mit drei Jahren eine kleine Blechtrommel um den Hals trägt. Das Trommeln hat ihn nie losgelassen. Eine richtige Ausbildung war es im Verein allerdings nicht. Man bekam eine Trommel hingestellt, ein paar rhythmische Übungen gezeigt, und dann hieß es: Stell dich hinten in die Reihe, den Rest erklärt dir dein Nachbar.

So hat er 30 Jahre im Musikverein gespielt. Zu Hause hat er viel geübt, aber eher Rockmusik. Sein älterer Bruder spielte Gitarre in verschiedenen Bands, und diese Musik hat ihn angezogen. In seiner Jugend war er drei Jahre in einer Rockband. Fast alles, was er spielte, hatte er sich selbst beigebracht.

Dann wurde es zu viel. Beruflich war er viel unterwegs, und es folgten 20 Jahre, in denen er praktisch gar nicht gespielt hat.

Zu seinem 60. Geburtstag gab es eine Feier mit einer Rockband aus der Region. Irgendwann hieß es: Setz dich mal ans Set, wir spielen einen Song zusammen. Es wurde „Knockin’ on Heaven’s Door“. Stefan war am Anfang ziemlich angespannt, weil man es natürlich nicht verkacken will. Also Tempo halten, in den Rhythmus finden, dann vorsichtig ein, zwei Breaks einbauen. Es hat geklappt. Und er war wieder angefixt.

Video: Ü60 mit dem Schlagzeug wieder begonnen – und richtig gerockt!

Der Neustart, der fast das Ende war

Zu Hause stand noch das alte Set seines Sohnes aus den 90ern. Stefan hat es aufgebaut, Kopfhörer aufgesetzt und zu ein paar Songs gespielt. Schnell war klar: Einiges funktioniert noch, aber wenn er das richtig angehen will, muss er mehr machen.

Er hat sich an einer regionalen Musikschule angemeldet, deren Leiter er von früher kannte. Seine Erwartungen waren hoch, und er hat im Vorgespräch klar gesagt, worum es ihm geht: Koordination, Unabhängigkeit, Körpergefühl. Grooves wie ein Four on the Floor oder ein Blues waren nie das Problem. Schwierig wurde es, sobald er über einen klassischen Break hinaus wollte.

Im Unterricht saß er dann in einer Gruppe mit einem 16-Jährigen, der seit etwa anderthalb Jahren spielte. Die Schule hatte ihr Konzept mit eigenen Lehrbüchern, und das wurde so durchgezogen. Das ist nichts Schlechtes, viele lernen genau so. Für Stefan passte es in diesem Moment aber nicht. Die Dinge, an denen er arbeiten wollte, kamen nicht in dem Umfang vor, den er gebraucht hätte.

Nach einem halben Jahr hat er aufgehört. Und dann kam das Gefühl, das ihn fast zum Aufgeben gebracht hätte. Er hat gerechnet: Wenn ich auf diesem Weg dorthin will, wo ich hin möchte, bin ich fünf, sechs Jahre beschäftigt. Dann bin ich 66 oder 67. Und in dem Alter noch Leute mit ähnlichem Alter und ähnlichem Musikgeschmack für eine Band zu finden, wird immer schwieriger.

Denn Stefan spielt nicht nur für sich. Wer einmal auf der Bühne stand, die Emotionen erlebt und das Feedback vom Publikum bekommen hat, will das wieder. Das hat ihn ziemlich runtergezogen. Er war, wie er selbst sagt, sehr deprimiert. Sein Plan B stand schon: mehr Sport, um dort Erfolgserlebnisse zu haben. Musik hören macht ja auch Spaß.

Der erste Aha-Moment

Parallel hatte Stefan angefangen zu recherchieren. Er hatte Kontakt zu verschiedenen Lehrern, einer saß in den USA, einer in England. Irgendwann ist er auf meine Facebookseite gestoßen und hat die Beiträge gelesen. Ob das online wirklich funktioniert, konnte er sich nicht vorstellen. Sein Gedanke war: Ich gebe dem Ganzen eine letzte Chance.

In unserer ersten, kostenlosen Stunde habe ich ihn erst mal spielen lassen. Ich habe ziemlich schnell gesehen, wo es hakt, und ihm eine Aufgabe gegeben, die herausfordernd war. Am Ende der Stunde hat er die komplexe Sache, die ich ihm vorgespielt hatte, mehr oder weniger hinbekommen. Und wir waren genau an seinen Problemstellen: Koordination und Unabhängigkeit zwischen den Gliedmaßen.

Stefan nennt das seinen absolut ersten Aha-Moment. Es gibt also doch Wege, die genau seine Probleme in den Fokus nehmen.

Er hat das Ganze sacken lassen, mit anderen Angeboten verglichen und mit seiner Frau gesprochen. Ihre Antwort: Mach, kein Thema.

Vom Frust zur Euphorie

Dann ging es los. Stefan hat die Übungen abgearbeitet und regelmäßig Feedback-Videos in unsere Gruppe gestellt. Von der Community ist er bis heute begeistert. Wenn mal etwas nicht klappt, kommt sofort ein aufbauender Kommentar, so in der Art: Kenne ich, das ist eine Phase, lass es kurz liegen.

Er hat gemerkt, dass die Übungen genau auf das zielen, was ihm unter den Nägeln brannte. Knoten lösten sich. Er wurde sicherer und freier am Set. Am deutlichsten hat sich der Spaß entwickelt. Dinge funktionierten auf einmal, die in den 30 Jahren davor nie funktioniert hatten. Die Euphorie war so groß, dass er sich teilweise selbst bremsen musste. Die Arbeit rund ums Haus wollte ja auch noch erledigt werden.

Wichtig ist mir dabei: Es war immer herausfordernd. Stefan hat sehr fleißig geübt. Von selbst passiert so etwas nicht.

Zwei Wochen bis zur Band, 13 Tage bis zur Bühne

Nach rund anderthalb Jahren stand Stefan auf Festen, sah Bands spielen und dachte: Das kriegst du eigentlich auch hin. Er ist einer Facebook-Gruppe beigetreten, in der Musiker Bands suchen, und hat sich auf eine lange Suche eingestellt.

Nach zwei Wochen kam ein Anruf. Eine in der Region bekannte Band für Classic Rock und Blues suchte einen Nachfolger, weil ihr Schlagzeuger in mehreren Bands spielte. Bei der ersten Probe fehlte der sogar wegen eines dicken Knies. Aus geplanten zweieinhalb Stunden wurden locker vier. Die Jungs hatten immer mehr ein Grinsen im Gesicht, und nach der Probe hieß es: Stefan, wenn du Lust hast, mach.

Der erste Auftritt war 13 Tage später. Stefan hatte angeboten, zum Abschluss ein, zwei Nummern zu spielen. Die Band wollte es andersherum: Der bisherige Schlagzeuger spielt zwei Songs, Stefan den Rest. Zwei weitere Proben, dann ging es auf die Bühne. Kurz davor war es eine Mischung aus Euphorie, jeder Menge Respekt und ein bisschen Angst. Für den Moment nach dem letzten Schlag hatte er nur ein Wort: geil. Sogar die Band, die nach ihnen spielte, hat ihm gratuliert.

Stefan sagt heute, ohne diesen Weg hätte er jetzt vermutlich ein anderes Hobby. Wenn du mit 60 wieder anfangen willst und merkst, dass du irgendwo festhängst, schauen wir uns das gern in einer Spielanalyse an. Dann siehst du, wo bei dir der größte Hebel liegt.

Häufige Fragen

Kann man mit 60 wieder anfangen, Schlagzeug zu spielen?

Ja. Stefan hat nach 20 Jahren Pause mit 60 wieder angefangen. Nach rund anderthalb Jahren gezielter Arbeit an Koordination und Unabhängigkeit hat er eine Band gefunden und kurz darauf seinen ersten Auftritt gespielt.

Kann man mit über 60 noch eine Band finden?

Stefan hat das selbst bezweifelt. Als er sich sicher genug fühlte, ist er einer Facebook-Gruppe für Musiker beigetreten und bekam nach zwei Wochen den Anruf einer Classic-Rock- und Blues-Band aus seiner Region.

Was tun, wenn man beim Schlagzeug lernen nicht weiterkommt?

Bei Stefan lag es daran, dass seine eigentlichen Baustellen, Koordination und Unabhängigkeit, nicht im Fokus standen. Als die Übungen genau darauf zielten, lösten sich die Knoten, und Dinge funktionierten, die in 30 Jahren vorher nie geklappt hatten.

Weiterlesen